200 Musiker zu einer Einheit geformt

„Tag der Gospelmusik“: Siebenstündige Proben münden in einer grandiosen Aufführung in der Pfarrkirche St. Lucia
Von unserem Mitarbeiter Toni Dörflinger

Stolberg. Michael Kreutzkamp verlangt höchste Konzentration. Nicht nur der stimmliche Einsatz soll im richtigen Moment erfolgen, sondern auch die Betonung und Aussprache des englischen Textes müssen mit dem Inhalt des Stückes übereinstimmen. Auf den Gebrauch eines Mikrofons verzichtet der Kirchenmusiker. „Das fördert nur die Unaufmerksamkeit“, sagt der aus Übach-Palenberg stammende Chorleiter, der in der Kirche St. Mariä-Himmelfahrt den Versuch startet 80 weibliche Altstimmen zu einer Einheit zu verschmelzen.

Vier Kirchenmusiker

Dass das Mühlener Gotteshaus nicht mit der besten Akustik ausgestattet ist, stört Kreutzkamp nur wenig und ist für ihn bestenfalls eine Herausforderung, besonders fein und sensibel hinzuhören, wenn mal ein Ton etwas schief herüberkommt. Dass sein Stück „Lord, You are my shelter“ zum Hit des Abends werden wird, ahnt der engagierte Chorleiter zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Darum gibt er sich unnachgiebig, als die Konzentration der Sänger aller Altersstufen ein wenig nachlässt.
Es ist der „Tag der Gospelmusik“, der die aus der Region und der Eifel stammenden Mitglieder von Kirchen – und Jugendchören in der Kupferstadt zusammengeführt hat. Dass sie singen können, haben die rund 200 Musikbegeisterten im Alter von acht bis 60 Jahren bei den Auftritten in ihren Heimatgemeinden längst unter Beweis gestellt. In Stolberg sollen sie zu einer homogenen Einheit verschmelzen und mit dem Liedgut der Gospelmusik vertraut gemacht werden.
Neben Kreutzkamp sind Regionalkantor René Rolle aus Würselen, Josef Voußen aus Alsdorf und der Stolberger Organist Hermann-Josef Schulte im Einsatz. Jeder Kirchenmusiker hat das Einstudieren eines Werkes übernommen. Und da zu jedem Stück immer mehrer Stimmen gehören, eilen die vier Chorleiter von Raum zu Raum, um die von Alt- Sopran-, Tenor- oder Bassstimmen Passagen zu proben.
Während der Vormittag dem Training der in verschiedenen Räumen der Pfarrgemeinde untergebrachten Gruppen vorbehalten ist, erfolgt am Nachmittag die Zusammenführung der einzelnen Stimmen zu einem konformen Ganzen. Das erfordert noch einmal höchste Konzentration, auch wenn Schulte und Rolle, die die Veranstaltung leiten, immer wieder lustige Bemerkungen zur Auflockerung einstreuen.
Während die Männer sicher den Bass- und Tenorstimmen widmen, haben sich Frauen und Kinder Sopran und Alt verschrieben. Und da man sieben Stunden – so lange dauert das Gospelseminar – nicht durchhalten kann, liegen immer wieder Unterbrechungen dazwischen, die dazu genutzt werden, den mitgebrachten Kuchen oder die aufgetischte Gulaschsuppe zu verzehren.
Als am späten Nachmittag Pfarrer Hans-Rolf Funken die 200 Sänger zu einem Gottesdienst in der Kirche St. Lucia willkommen heißt, sind Nervosität und Anspannung verflogen. Der riesige Klangkörper, der sich zu beiden Seiten des Altars im Chorraum versammelt hat, gibt nicht nur ein tolles Bild ab, sondern überzeugt durch seine Brillanz und Virtuosität. Sei es das von Rolle dirigierte „Agnus D ei“ oder das von Voußen gesteuerte „Sometimes I feel like a motherless child“ – alles klappt wie am Schnürchen, und die Einsätze erfolgen zum richtigen Zeitpunkt. Als der Chor das von ihm einstudierte „Lord, You are my shelter“ anstimmt, lächeln die Sänger, und der Funke der Begeisterung springt auf das Publikum über. Dieses bedankt sich mit minutenlangem Beifall, und so muss der Chorleiter nochmals auf das Dirigentenpult klettern und durch Gestik und Mimik den Chor zu weiteren Höchstleistungen antreiben.

Zweiköpfige Band

Neben der Durchsetzungskraft der Stimmen macht sich in St. Lucia positiv bemerkbar, dass die Akustik besser ist als in St. Mariä-Himmelfahrt und der Chor von einer zweiköpfigen Band unterstützt wird. Sichtlich zufrieden mit der Leistung des Chores ist der Regionalkantor. „Unser Konzept, die Gospelmusik in den Chören bekannt zu machen, ist voll aufgegangen. Großartig, wie konzentriert die Sänger bei der Sache sind“, bemerkt Rolle, der nach der Aufführung gemeinsam mit seinen Dirigentenkollegen die stehenden Ovationen entgegennimmt und nach vorne eilt, um den Chor zu einer letzten Zugabe zu ermuntern.